Milking Journey – Melken, wie es die Kuh möchte

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27. März11:32

Ein Gespräch mit Paul Peetz

Wer den Melkroboter beobachtet, sieht ein scheinbar einfaches Ritual: hineingehen, abbürsten, anschließen, melken, einsprühen und wieder hinausgehen. Hinter diesem festen Muster verbirgt sich für die Kuh jedoch ein komplexes Zusammenspiel aus Reizen, Hormonen, Daten und Technik. Jede Kuh ist einzigartig und hat ihre eigenen Bedürfnisse, die sich sogar von Tag zu Tag ändern können. Deshalb sollten wir uns öfter fragen: Wie fühlt und erlebt sie den Moment, in dem sie den Melkroboter betritt?

Milking Journey – Melken, wie es die Kuh möchte

Darüber spricht Paul Peetz, Milking Technology Manager bei Lely, mit ansteckender Leidenschaft. Mit mehr als 30 Jahren Erfahrung in der Milchviehhaltung gilt er für viele als Autorität auf dem Gebiet der Melktechnologie. Jeder, der mit Paul am Tisch sitzt, merkt es sofort: Er denkt immer aus der Perspektive der Kuh und versteht es, ihre biologischen Prozesse in Technik und Daten umzusetzen.

„Je besser man seine Kuh als Individuum versteht“, sagt er, „desto besser kann man ihr Potenzial ausschöpfen, ohne ihre Gesundheit zu beeinträchtigen.“

Paul nennt dies selbst „The Milking Journey“: einen Kreislauf aus Kontrolle, Präzision, vollständiger Melkung, Pflege und Schnelligkeit – immer wieder, jeden Tag, bei jedem Melkvorgang in jedem Astronaut.

„Der Melkroboter gibt uns die Möglichkeit, eine Kuh so zu melken, wie es mein Großvater tat“, erzählt Peetz. „Auf den Knien, ganz nah an der Kuh, mit Aufmerksamkeit für jedes einzelne Tier und jedes Euterviertel. Nur tun wir das jetzt mit Technologie und Daten, mit mehr Aufmerksamkeit und mehr Präzision. Und damit mit viel mehr Einblick in das, was in der einzelnen Kuh vor sich geht.“

Ruhe und Regelmäßigkeit: Die Kraft der Wiederholung

„Einen Milchviehbetrieb gut zu führen, ist eigentlich ziemlich langweilig“, erklärt Peetz mit einem Lächeln. „Jeden Tag die gleiche Routine, am besten zur gleichen Zeit. Aber genau das lieben Kühe.“

Seiner Meinung nach liegt die Kraft des erfolgreichen Melkens in Vorhersehbarkeit, Regelmäßigkeit und Ruhe. „Je vorhersehbarer die Bedingungen sind, desto besser gedeihen die Kühe. Für uns Menschen mag Routine vielleicht langweilig sein, aber für die Kuh ist sie die Voraussetzung für optimale Leistung – und genau darin liegen die Stärken unserer Roboter.“

Zwei Milchvorräte: 20 % und 80 %

„Viele Menschen glauben, dass die Vorbehandlung in erster Linie eine Reinigungsmaßnahme ist, vielleicht sogar etwas, bei dem man Zeit sparen kann“, sagt Peetz. „Biologisch gesehen passiert jedoch viel mehr. Eine Kuh hat zwei Milchvorräte: Etwa 20 % liegen direkt in den Zitzenzisternen bereit, die restlichen 80 % befinden sich tiefer in den Alveolen. Um diesen zweiten Vorrat freizusetzen, muss die Kuh zunächst stimuliert werden.“

In der Natur löst das Kalb diesen Reiz aus, indem es mit dem Kopf gegen das Euter stößt. Das regt die Ausschüttung von Oxytocin an, dem Hormon, das den Milchfluss auslöst. „Im Melkroboter übernehmen die Bürsten diese Rolle“, fährt Peetz fort. „Diese Vorbehandlung, das Anrüsten, ist also viel mehr als nur Reinigung: Sie ist der biologische Schlüssel zur Milchabgabe. Dabei spielt der Komfort eine Rolle: Ein angenehmes, gleichbleibendes Melkerlebnis mit der richtigen Pulsation und dem richtigen Vakuum sorgt dafür, dass die Kuh die Stimulation positiv assoziiert und leichter Milch abgibt.“

Dieses Verhältnis von 20/80 ist zudem nicht statisch und variiert je nach Kuh und Melkhäufigkeit. „Eine Kuh, die nach sechs Stunden erneut gemolken wird, hat manchmal nur noch 5 % in den Zisternen und 95 % in den Alveolen“, erklärt Peetz. „Deshalb ist eine gute Abstimmung von Melkfrequenz und Anrüsten pro Kuh entscheidend für eine gleichmäßige Milchkurve.“

Anrüsten und Milcheinschuss: 60-90 Sekunden

Die Stimulation ist Maßarbeit: Manche Kühe reagieren schnell, andere brauchen mehr Zeit. Im Melkroboter geschieht dies durch das Bürsten, wobei Dauer, Komfort und eine gleichmäßige Bewegung wichtig sind.

„Wenn das angenehm und lange genug geschieht, erhält die Kuh den richtigen Stimulus“, sagt Peetz. „Aber dieser Prozess benötigt Zeit. Zwischen dem Reiz und dem Einsetzen des Milchflusses liegen durchschnittlich 60 bis 90 Sekunden. Wer hier Zeit sparen will, indem er das Anrüsten verkürzt, bekommt gerade Probleme wie Bimodalität.“

Bimodalität: eine unerwünschte Pause

Jeder Viehhalter kennt das: eine Kuh, die im Milchfluss kurz innehält. In den Daten zeigt sich das als Bimodalität.

„Nicht jede Kuh reagiert gleich“, erklärt Peetz. „Während bei der einen der Milchfluss sofort einsetzt, braucht die andere mehr Zeit und Ruhe. Gerade in diesen Unterschieden zeigt die Melkkurve, wie wichtig Aufmerksamkeit für jede einzelne Kuh ist.“

Eine solche Unterbrechung mag harmlos erscheinen, doch die Folgen sind deutlich. Die Melkzeit verlängert sich, die Zitzen werden stärker belastet und die Effizienz sinkt. Noch wichtiger: Bimodalität erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass der Milchfluss stoppt oder sich verlangsamt, bevor das Euter vollständig entleert ist. Das kann zu einer unvollständigen Melkung sowie zu höheren Vakuumwerten im Bereich der Lippe führen – was die Kuh sofort spürt. Die Folge sind oft weniger Komfort und sogar Schmerzen an der Zitze.

Besonders anfällig dafür sind Kühe, die häufiger zum Melkroboter gehen und mit weniger gefüllten Eutern ankommen. „Deshalb sind die Beobachtung dieser Tiere und die richtige Einstellung eines konsequenten, ausreichend langen und angenehmen Anrüstens für jedes einzelne Tier essenziell“, sagt Peetz.

Dass dies einen Unterschied macht, zeigt sich in der Praxis: Bei 4.800 Viehhaltern wurde innerhalb von vier Wochen eine Reduzierung der Bimodalität um 40 % erreicht, indem die Anrüstzeit für jede einzelne Kuh optimal eingestellt wurde. Das Ergebnis: gleichmäßigere Melkkurven, kürzere Melkzeiten und mehr Komfort für die Kuh.

Oder wie Peetz es ausdrückt: „Lass Daten deine Entscheidungen leiten, denn die Kuh zeigt in ihrer Melkkurve, was sie benötigt.“

Intelligente Steuerung der Melkfrequenz

„Es kommt nicht darauf an, wie oft man melkt, sondern wie gut und vollständig diese Melkung ist – bei jeder Kuh, jeder Melkung, jedem Viertel und an jedem Tag“, erläutert Peetz.

Es mag widersprüchlich klingen, aber selteneres Melken kann manchmal sogar mehr Ruhe und Milch bringen. „Wir wissen immer besser, wie lange es dauert, bis ein Euter wieder voll und bereit zum Melken ist. Das ist von Kuh zu Kuh und von Melkvorgang zu Melkvorgang unterschiedlich. Deshalb rücken wir von der Vorstellung ab, dass Kühe so oft wie möglich zum Melkroboter müssen. Durch eine intelligentere Steuerung der Melkfrequenz entsteht Ruhe im Stall. Weniger dominante Kühe oder Färsen erhalten mehr Raum, um den Melkroboter aufzusuchen, und die Zitzen haben Zeit, sich zu erholen. Das wirkt sich positiv auf die Melkkurve, die Gesundheit und die Milchqualität aus.“

Präzises Ansetzen: Von der Kuh lernen

„Man muss gut anfangen, um auch gut abschließen zu können“, sagt Paul. Nach dem Anrüsten folgt das Ansetzen – und auch dabei ist jede Kuh anders. „Die Form und Position der Zitzen unterscheiden sich von Kuh zu Kuh und sogar von Melkvorgang zu Melkvorgang. Deshalb ist es wichtig, dass dies ruhig und präzise geschieht.“

Ein gutes Ansetzen macht für die Kuh den Unterschied zwischen einer angenehmen, reibungslosen Melkung oder Unruhe und einer zusätzlichen Belastung der Zitzen. Sitzt ein Melkbecher nicht sofort richtig, kostet das Zeit, steigt das Schmerzrisiko und wird die Milchkurve beeinträchtigt.

Eines der Hilfsmittel, um dies zu verhindern, ist das Zitzenerkennungssystem TDS2+. Diese revolutionäre Technologie nutzt Laser und Kamera, um die Zitzen schneller und präziser zu finden. Für die Kuh bedeutet das Ruhe und Komfort – genau das, worauf es bei einem guten Start jeder Melkung ankommt.

Zudem werden Daten wie Vakuum, Pulsation, Ansaugversuche und Milchfluss kontinuierlich auf Viertelebene gemessen. Dies alles läuft in der Software Horizon zusammen. Mit der individuellen Bürstenoptimierung (PTO) werden die Einstellungen automatisch pro Euterviertel angepasst. So lernt der Roboter aus jedem Melkvorgang und passt sich automatisch an, sodass jede Kuh die Betreuung erhält, die sie benötigt.

Auf die Größe kommt es an: das richtige Zitzengummi

„Das Zitzengummi ist das einzige Teil, das über einen längeren Zeitraum in direktem Kontakt mit der empfindlichen Zitze steht“, betont Peetz. Die Bedeutung des richtigen, d.h. perfekt passenden Zitzengummis wird oft unterschätzt. Ein zu enges, zu weites oder in der Länge falsches Zitzengummi kann Unbehagen verursachen und den Milchfluss stören. Schon das Material – Gummi oder Silikon – beeinflusst das Ergebnis. Eine falsche Wahl kann zu Schäden an den Zitzen oder Unbehagen bei der Kuh führen. Und eine Kuh wird sich daran für die nächste Melkung erinnern.“

„Bis vor kurzem haben wir die richtige Größe anhand einer Stichprobe von etwa 30 Kühen ermittelt“, erklärt Peetz. „Das gab zwar eine Richtung vor, sagte aber zu wenig über die gesamte Herde aus. Mit der neuesten Kamera im TDS2+-System können wir jede Kuh und jede Zitze noch besser vermessen. So erhält der Viehhalter für jedes Tier eine genaue Empfehlung zur richtigen Größe der Zitzengummis. Das Ergebnis: mehr Komfort für die Kuh und zuverlässigere Daten.“

Vollständige Melkung: Jedes Viertel zählt

„Eine vollständige Melkung ist essenziell“, betont Peetz. „Sie trägt zur Milchleistung bei, fördert die Eutergesundheit und verschafft der Kuh ein besseres Melkerlebnis. Nicht zu kurz, nicht zu lang – genau richtig.“

Nicht jedes Viertel des Euters liefert die gleiche Milchmenge. Manche Viertel sind produktiver als andere, und jedes Viertel hat sein eigenes Optimum. Dank der Daten kann der Roboter dies genau verfolgen, und genau darin liegt die Stärke des Melkroboters: Er bewertet kontinuierlich, was geschieht – pro Kuh und pro Viertel. Sobald ein Viertel leer ist, trennt der Roboter die Melkbecher vorsichtig und rechtzeitig ab. So wird ein zu langes Melken verhindert und ein unvollständiges Melken ausgeschlossen.

Nachsorge und Ruhe

Jede Kuh sollte den Melkroboter nach dem Melken mit einem guten Gefühl verlassen. „Alles muss stimmen“, sagt Peetz. Anrüsten, der richtige Zeitpunkt zum Abkuppeln, Nachsorge – das entscheidet darüber, ob die Kuh vollständig und auf angenehme Weise gemolken wird und ihre Milchleistung auf dem gleichen Niveau bleibt oder sogar noch steigt.“

Das abschließende Einsprühen pflegt und schützt die Zitzen auf hygienische Weise, woraufhin die Kuh ruhig und stressfrei über den großen, freien Ausgang den Melkroboter verlassen kann.

„Eine Kuh, die den Melkroboter entspannt verlässt, kommt beim nächsten Mal gerne wieder zurück. Ruhe, Komfort und Vertrauen sind dabei entscheidend.“

Daten machen es sichtbar

Wie schön wäre es, wenn man auf einen Blick erkennen könnte, welche Kuh besondere Aufmerksamkeit benötigt, ohne sich um den Rest sorgen zu müssen? Genau das ist es, was Daten ermöglichen.

„Daten sind unser Wegweiser“, sagt Peetz. „Wir erkennen, bei welcher Kuh Bimodalität auftritt, wo die Milchkurve gestört ist oder wo unvollständige Melkvorgänge drohen. Aber auch Aspekte wie Eutergesundheit, Wiederkäuen, Beweglichkeit, Temperatur und Brunst werden sichtbar. „Alles, was uns die Kuh mitteilt, spiegelt sich in den Daten wider.“

Daten werden jedoch erst wertvoll, wenn man etwas damit anfängt. „Mit durchschnittlichen Einstellungen erzielt man auch nur ein durchschnittliches Ergebnis“, betont Peetz. „Präzision ist dabei entscheidend: Liegt eine Einstellung nur geringfügig zu hoch oder zu niedrig, verfehlt man den Effekt völlig. Es ist wie beim Schießen auf eine Zielscheibe – wenn man einen Meter daneben liegt, trifft man nichts.“

Roboter und Daten machen diesen Unterschied möglich: Fakten statt Annahmen, damit der Viehhalter das Beste aus jeder einzelnen Kuh und der gesamten Herde herausholen kann.

Von der Biologie zu besseren Viehhaltung

Für Peetz dreht sich das Melken am Roboter letztendlich um eine zentrale Frage: Was braucht die Kuh, um optimale Leistungen zu erbringen und so lange wie möglich gesund zu bleiben?

„Der Roboter sieht, spürt und registriert, wie jede Kuh reagiert“, sagt er. „Das führt uns immer wieder zum einzelnen Tier zurück – allerdings mit der Präzision und Effizienz von heute.“

Die Grundlage dafür wird schon früh gelegt: ein frisches, munteres Kalb von einer gesunden Mutter, eine gute Aufzucht und eine erste positive Erfahrung im Roboter für Färsen. „Diese Grundlage kann man nur einmal richtig schaffen“, betont Peetz.

Die Kuh gibt uns ihre Milch – das können wir ihr nicht abverlangen. Es ist unsere Aufgabe, dafür zu sorgen, dass sie dies noch viele Jahre lang bereitwillig und bei guter Gesundheit tun kann. Die Synergie zwischen Mensch, Technik und Kuh – in der Routine, Daten und individuelle Betreuung zusammenkommen – ist dabei der Schlüssel.

„Man muss sich nur vor Augen führen, wo wir einst angefangen haben“, lächelt Peetz. „Und wo wir jetzt stehen … und wir wissen noch nicht einmal, wo es enden wird.“

A complete milking for every quarter of every cow in every Astronaut – every time.
Mit anderen Worten: eine vollständige Melkung, von jedem Viertel, jeder Kuh, in jedem Astronaut – jedes Mal aufs Neue.

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